Geschichte und Idee

Wo Bauen und Wohnen der eigenen Ganzwerdung dienen und gleichzeitig an die Gesetze der Natur gedacht wird, entstehen Orte der Kraft und der Stärkung.
Einen solchen Ort hat Walter Bartlomé mit seiner Intuition und seinem Wissen in lebenslanger Arbeit geschaffen.
Auf der Stein-Terrasse des in den Felsen gehauenen Hauses in der Senseschlucht zu stehen, bedeutet, hochgehoben zu sein über dem Fluss und gleichzeitig verwurzelt die Tiefe der Unter-Welt wahrzunehmen. - So wird es möglich, dass die dunklen Seiten des Menschseins ebenso wahrnehmbar werden wie die schwindelnde Höhe des Vogelflugs der geistigen Kreativität und der Ideen.
Orte heilender Kraft sind solche, die den Menschen neu ordnen. - Ihre Raumgestaltung gehorcht den inneren Gesetzen des Menschen, harmonisiert ihn geistig und seelisch und unterstützt seinen spirituellen Weg.
Der Rhythmus in allem, die Würdigung der Zeit und das Geschenk gemeinschaftlichen Lebens bekommen neues Gewicht an Orten, wo kein künstliches Licht und keine Vereinnahmungen der Zivilisation den Alltag prägen.
Walter Bartlomée hat nicht nur ein Haus, er hat auch einen Garten erstellt; ihn den steilen Felswänden in unzähligen Stunden abgetrotzt; ihn dem Felsen mit unendlicher Sorgfalt auferlegt. - Wir pflegen ihn in seiner Vielfalt weiter.
Wir haben nach dem Kauf dieser Liegenschaft mehr als ein Jahr lang nur hingeschaut, hingehört, Ueberflüssiges weggetragen und versucht, die inneren Gesetzmässigkeiten dieses Ortes zu begreifen, bevor wir mit Renovieren begonnen haben.
Für unsere Vorfahren war Bauen ein schöpferischer Akt, ein Einstimmen in eine höhere Ordnung. Das Felsenhaus ist Rückschau darauf, gleichzeitig aber Vorschau auf das, was ökologisch vertretbares, zukünftiges Wohnen sein kann. Neben Materialien, die der Umgebung entnommen wurden, trägt sanfte Technologie zu einem einfachen Standard bei.
Das Gebäude gleicht in seiner Form und seiner Raumgestaltung einer liegenden Person mit sieben Lebensorten, den sieben Kraftzentren des Menschen nachgebildet. Jeder Raum erinnert nun in seiner Form und Farbe an die aufsteigenden Kräfte der Menschen von der Wurzel bis zur Krone, an ihre seelische Entwicklung von der sinnlichen Lebens-Kraft bis zur geistigen und spirituellen Wirk-Kraft. Feuer erwärmt die inneren und äusseren Räume des Hauses und der Menschen, die sich dort aufhalten.
In der Wahrnehmung der Vision des Erbauers wird das Haus weiterhin genutzt als Begegnungsort, Ort der Stille und Selbstfindung und neu auch als Ort der Meditation. Menschen sind dazu aufgefordert, in Stille ihre inneren Räume zu erkennen und im Gespräch Klarheit und Vision zu entwickeln. Das ständige Rauschen und Fliessen des Flusses begleitet die Gedanken, unterstützt die Vorwärtsbewegung und bringt gleichzeitig tiefe Ruhe.
Das Felsenhaus wird an einzelnen Tagen des Jahres für die Oeffentlichkeit zugänglich gemacht, damit die Kunst der Garten- und Hausgestaltung für alle erlebbar wird.
Ebenfalls werden Meditationsangebote für Interessierte bestehen.

Walter Bartlomé

Die Geschichte und Philosophie des Erbauers des Felsenhauses

Aus der tiefen Freude am Leben in der Natur und mit dem Mut, etwas völlig Neues zu wagen, begann Walter Bartlomé 1929, 15-jährig, in der Senseschlucht ein Haus in die Felsen hinein zu bauen.
"dieser Ort war einfach da, hat auf mich gewartet" (1)

Aufgewachsen in ökonomischer Armut, als Sohn eines Kohlenträgers, wollte er seiner unerreichbaren Geliebten und der Welt beweisen, dass er fähig sei, Grosses zu erschaffen.
Der Grossgrundbesitzer, dem Wald und Fels gehörten, erlaubte ihm sein Projekt. Als Gegenleistung hatte Walter Barthlomé die Waldwege und Stege in gutem Zustand zu erhalten, damit der Eigentümer seine weit auseinanderliegenden Bauernhöfe und Pächter mühelos besuchen könne.
In der Euphorie, die jedem solchen Beginnen innewohnt, halfen Walter Bartlomé alle seine Jugendfreunde. Das pickeln und schaufeln eines Zugangs zur Felshöhle, die er sich ausgesucht hatte und das Heranschleppen von Baumaterial aus der 20 Höhenmeter tiefer liegenden Sense waren aber sehr anstrengend. Mit zunehmend weniger Hilfe, aber durch keine Unbill von seinem Vorhaben abzuhalten, hat Walter Bartlomé ein zweigeschossiges Haus gebaut, Gärten und Steintreppen auf den schmalen Felsbändern angelegt und eine Brücke über den Fluss errichtet. Damit hat er den Zugang zu seinem Reich allen Menschen möglich gemacht.
Seine grosse Liebe, die Tochter eines angesehenen Berner Arztes, längst standesgemäss verheiratet, hat ihn erst in späten Lebensjahren, nach dem Tode Ihres Mannes, im Felsenhaus aufgesucht. Ihr Portrait, in die Felswand gemeisselt, war längst von den auslaufenden Ästen einer Weinrebe überwachsen.

Bis an seine letzten Lebensjahre hat Walter Bartlomé seine Wohnstatt und die Gärten ständig erweitert und die Waldwege in Ordnung gehalten. Im September 1998 starb er, 84-jährig.

Seiner Idee, an einem Ort, den er als heilig empfand, für sich und seine Freunde ein Bauwerk zu errichten und zu erhalten, ist er treu geblieben.
Seine Lebensphilosophie und die Tatsache, dass er sein Haus nicht nur geniessen, sondern auch aktiv vor drohendem Abriss zufolge Gesetzesänderungen verteidigen musste, zeigen Briefe, die im Haus gefunden wurden. (Anhang)

"Viele Geschichten ranken um diesen Ort, wo das Recht des einen aufhört und das des anderen noch nicht wirkt. (der Fluss ist die Kantonsgrenze). Hier, in diesem Niemandsland, hat Walter seinen Lebensort gefunden, ein Wanderer zwischen den Welten.(...) der immer wieder Brücken baute. Die einzig praktikable Möglichkeit, über den Fluss zum Haus zu kommen. Ueber ein halbes Dutzend hat er in seinem Leben gebaut - vom einfachen Holzsteg bis hin zur kühn verspannten Hängebrücke aus Holz." (2)

Sein Konzept, ökologisch vorzugehen und hauptsächlich Materialien aus der Umgebung zu verwenden entstand wohl aus Überzeugung und aus den ökonomisch gegebenen Bedingungen.
Sein Bauwerk ist vorwiegend mit Materialien aus der Flusslandschaft entstanden, Tuffstein, Schwemmholz, Sand, Moos, Erde, herausgesprengte Felsbrocken.

Sich vollständig den Gegebenheiten der Natur anzupassen, eine Lebensweise ohne Komfort zu wählen, wurde zu seiner Philosophie gemacht. Den Fluss benannte er als seinen Lebensbegleiter, die Jahreszeiten und das Wetter als seine Lehrer.

"Dieser Schritt in die Wildnis ist ganz und gar unschweizerisch. denn er bedeutet den Verlust des Vertrauten und Kontrollierbaren. (...) Der Felsengarten bedeutet Ankunft in der Lebensfülle, geboren aus der Idee, ein sinnliches Refugium zu schaffen. In seinem Labyrinth findet Bartlomés Leben einen neuen Mittelpunkt". (3)

"Zuerst hatte ich einen Garten, dann hatte der Garten mich." Dieser Liebeserklärung an das Leben können sich selbst gestandene Rationalisten kaum entziehen. Unternehmer, die den Film gesehen haben, schicken begeisterte Briefe an den Regisseur. Und zunehmend entdecken Psychologen den Film für Ihre Arbeit. Bartlomé erzählt in dem Film, wie er sich seine Heimat täglich neu schafft, wie seine Verbundenheit mit dem Garten wächst, indem er ihn pflegt und gestaltet. Erst die bewusste Hinwendung zu einem Ort schafft Heimat, ist seine Botschaft." (3)

Er lebt mit Gemüse vom Garten, Wasser von der Quelle im Wald, grösstmöglichem Einbezug der Sonneneinstrahlung auf wärmespeichernde Tuffsteinmauern und mit Holz für Heizung und Kochstelle. Seine Liebe zur Natur und den wilden Tieren die in der Auenlandschaft leben, zeigt sich in den vielen Vogelhäusern, die er aufhängte im Weidengebüsch, welches er zur Flussufersicherung pflanzte und in der Haltung eines Fuchses von dem er behauptete, dieser wisse gar nicht, dass er kein Hund sei.
Fledermäuse und Siebenschläfer bewohnten die trockenen Nischen ebenso selbstverständlich, wie er selber.

"Walter Bartlomé erzählt von seinen Blumen, dass es wichtig ist, mit ihnen zu sprechen; er erzählt von den Tieren, die schon vor ihm an diesem Ort waren und damit viel ältere Rechte haben als er." (2)

Dass er auch die unsichtbaren Wesen ansprach zeigen eingekerbte und in den Fels geritzte Zeichen, der Eingangstürstein in Form eines mythologischen Tieres, besonders geartete kleine Plätze in den Gärten und seine übrig gebliebenen Bücher.

"Während der Dreharbeiten wird immer deutlicher, dass die Lebenszeit von Walter Bartlomé zu Ende geht. Ganz sachte beginnt er von seinem Ort Abschied zu nehmen. "Ich glaube an die Natur. Für mich ist das eigentlich Gott. Unsere Natur und wie sich das alles entwickelt hat; das Leben, wie es kommt und geht und vergeht und wiederkommt. Das ist auch Auferstehung."
"Ich bin zufrieden mit meinem Leben, wie es sich abgespielt hat. Ja. Das Gute und das Schöne haben immer überwogen und mein Paradies, wo ich schon zu Lebzeiten drin lebe, habe ich mir selber geschaffen. Meine Gärten, alles, alles. Das ist das Schöne dran."
"Ich glaube einfach nur an das Gute im Menschen. Das ist schon so, wir haben auch unsere Schlechtigkeiten, aber man muss eben so leben, dass man verantworten kann, war man tut und macht." (2)
Im Film "La Casa delle favole" sagt er, "Der Himmel kann warten, ich habe ja hier schon mein Paradies." (1)

Nach dem Tode von Walter Bartlomé wurde die Liegenschaft am 13.8.1999 verkauft. Der Kaufpreis für Haus, Land, Wald und Brücke betrug Fr. 170'000.--
Vorgängig wurde von der Gemeine Ueberstorf eine schriftliche Bestätigung zur Eigentümerschaft der Brücke eingeholt.
Die Behörde für Grundstückverkehr des Kantons Fribourg erteilte die Erwerbsbewilligung im Präsidialentscheid vom 15.12.1999, mit der Begründung, dass das Grundstück zur landwirtschaftlichen Nutzung nicht mehr geeignet, und dem Bundesgesetz über das bäuerlichen Bodenrecht nicht unterstellt sei.

Am 13. August 1999 unterschreibt die neue Besitzerin den Kaufvertrag. Durch Zufall, aufgrund eines Gewitterregens und anschliessenden Gesprächs im Felsenhaus, war ihr die Liegenschaft zugesprochen worden.
Am 11. August 1999, am Tag der totalen Sonnenfinsternis, übergibt der Verkäufer, der Ziehsohn Walter Bartlomés, der neuen Besitzerin den Schlüssel und sie entzünden in der Stunde der Verdunkelung durch die Sonnenfinsternis ein Feuer im alten Cheminée. Sie verspricht dem Ort, dem Garten und dem Haus, die Idee des Gründers weiterzuentwickeln.
In der Stille der mittäglichen Dunkelheit entsteht das Bild eines Begegnungsortes, an welchem Menschen sich der Natur und sich selber innig zuwenden. Besitzrecht und Verpflichtung treffen spürbar aufeinander.

Marianne Schneider



1 Heilig, Karl-Heinz, Wissenschaftsjournalist und Filmemacher:
"La casa delle favole, das Märchenhaus", Film, 80 Min., Oldenburg, 1999

2 Heilig, Karl-Heinz: "La casa delle favole, das Märchenhaus" , Filmbroschüre, Oldenburg,1999

3 Eva Tenzer: Eine Liebeserklärung an das Leben. In: "Psychologie heute" , Bern. Februar 2002, S. 42 ff
Das Felsenhaus hat eine Nachfolgerin gefunden. Kontaktaufnahmen können weiterhin über diese Internetseite erfolgen.